Hans-Heinrich Dieter

Taliban vor ihrem Ziel!   (10.08.2021)

 

Die Taliban haben die Provinzhauptstadt Kunduz - und damit den ehemaligen deutschen StĂŒtzpunkt - im Norden Afghanistans erobert und der Vorsitzende des AuswĂ€rtigen Ausschusses des Deutschen Bundestages, Röttgen, appelliert doch tatsĂ€chlich an die internationale Gemeinschaft, aus Verantwortung fĂŒr die eigene Sicherheit und die Mehrheit der Afghanen diese Entwicklung zu stoppen – also RĂŒckzug vom RĂŒckzug und erneutes militĂ€risches Eingreifen, ohne absehbaren Erfolg! Und die FAZ schreibt: „Deutschland hatte mit der gesamten NATO Verantwortung fĂŒr Afghanistan ĂŒbernommen. Jetzt lassen wir das Land im Stich!“ Außen- und sicherheitspolitischer Sachverstand war noch nie eine bundesdeutsche QualitĂ€t.

Die deutschen Soldaten haben ihren stark eingeschrĂ€nkten Auftrag mit teilweise unzureichender AusrĂŒstung, unzureichendem Schutz und unzureichender sanitĂ€tsdienstlicher Vorsorge engagiert erfĂŒllt, obwohl ihnen wĂ€hrend der knapp 20 Jahre Afghanistaneinsatz nicht klar war: Warum genau bin ich hier? Was sollen wir hier erreichen? Was muss erreicht werden, um zu wissen, dass wir erfolgreich waren? Die Internationale Staatengemeinschaft, die NATO und auch die Bundesregierung haben es versĂ€umt, klare Ziele zu formulieren und Strategien zur Zielerreichung zu definieren – und Deutschland genĂŒgte es einmal mehr, dabei zu sein und „mitzumachen“. Dass unsere Soldaten trotzdem unbeirrt und treu ihren Auftrag erfĂŒllt haben, muss uneingeschrĂ€nkt anerkannt werden! Und die Bundesrepublik Deutschland hat nach der Abzugsentscheidung des US-PrĂ€sidenten das deutsche Einsatzende entschieden und organisiert – oder wusste man erneut nicht was man tat?

Nach 9/11 wollte man durch eine Intervention verhindern, dass von Afghanistan je wieder Terror gegen die westliche Welt ausgeht und dachte, dieses Ziel sei dadurch zu erreichen, dass man Al-Kaida ausschaltet. Der damalige Verteidigungsminister Struck formulierte das so: „Deutschlands Sicherheit wird auch am Hindukusch verteidigt!“ Um den Terror in Afghanistan zu ĂŒberwinden, muss man aber auch die Taliban-Terroristen und Al-Kaida aktiv bekĂ€mpfen und ausschalten. Die deutschen Soldaten hatten diesbezĂŒglich keinen Auftrag und nicht die erforderlichen Mittel. Die deutschen Soldaten waren fĂŒr TerrorbekĂ€mpfung nicht ausgerĂŒstet und die dazu befĂ€higten deutschen SpezialkrĂ€fte hatten nur einen AufklĂ€rungsauftrag. Deutschland und allen voran der UnfĂ€higste aller deutschen Verteidigungsminister*innen Jung hat sich lange geweigert, die RealitĂ€t anzuerkennen, dass deutsche Soldaten sich in Afghanistan im Kriegseinsatz befanden. Und deswegen konnten die deutschen Soldaten auch nichts unternehmen, um „Deutschlands Sicherheit auch am Hindukusch zu verteidigen“. Die Folge war, dass der Norden Afghanistans, also der deutsche Verantwortungsbereich, zum RĂŒckzugsgebiet der Taliban wurde. Und in diesem Zusammenhang wurden auch die internationalen PolizeikrĂ€fte personell und materiell unzureichend aufgebaut, der Drogenanbau und -handel wurde nicht unterbunden und die Ausbildung der afghanischen SicherheitskrĂ€fte wurde zu wenig praktisch vermittelt, weil die deutschen Ausbilder die EinsĂ€tze gegen die Gegner des afghanischen Staates nicht begleiten durften. Der IS hat sich inzwischen stabil etabliert und die Taliban haben ein freundschaftliches VerhĂ€ltnis zur Al-Kaida entwickelt. Deswegen kann man feststellen, dass die deutschen Soldaten zur ErfĂŒllung des Auftrages der International Stabilization Assistance Force (ISAF) von Anfang an nur einen eingeschrĂ€nkten Beitrag erfĂŒllen. Die deutsche Politik hat in Afghanistan versagt, weil sie keinen Beitrag zur Zerschlagung der Taliban und der Al-Kaida-Terroristen geleistet hat!

In Afghanistan hat die westliche Staatengemeinschaft ab 2001 auch mit dem naiven Ziel interveniert, aus einer vom Islam dominierten, unterentwickelten, mittelalterlichen Stammesgesellschaft eine rechtsstaatliche „Westminster-Demokratie“ mit guter StaatsfĂŒhrung zu machen – und ist gescheitert. Afghanistan will nicht nach westlicher Façon selig werden, Afghanistan will unser Geld. Nach fast 20 Jahren kostenintensiven militĂ€rischen Einsatzes sowie humanitĂ€rer und wirtschaftlicher Investitionen terrorisieren die erstarkenden Taliban weiterhin das afghanische Volk, ist die Korruption nicht im Griff und wurde die Drogenproduktion weiter ausgebaut. Neben den Taliban-Terroristen ist außerdem der Islamische Staat aktiv und auch Al-Kaida hat in Afghanistan wieder Fuß gefasst. Positive Perspektiven gibt es nicht und von demokratischen Strukturen ist das Land noch weit entfernt. Das erfolglose Ende des westlichen Engagements in Afghanistan wird den Taliban die MachtĂŒbernahme ermöglichen. Aber offensichtlich zieht eine Mehrheit der Bevölkerung ein von den Taliban stark beeinflusstes, wenn nicht gar beherrschtes, gesellschaftliches System einer westlich orientierten Demokratie vor! So blieb die Idee eines „Nation Buildings“ eine Illusion.

Und mit dem jetzt nahezu abgeschlossenen Abzug der NATO wird der Erfolg von Friedensverhandlungen immer unwahrscheinlicher. Der Abzug wird durch die Taliban als Sieg gefeiert und auf dieser Grundlage erweitern sie stĂ€ndig ihren Einflussbereich. De facto kontrollieren die Taliban bereits jetzt schon weit mehr als die HĂ€lfte des Landes, die zerstrittene Regierung hat nur ĂŒber Kabul und die nĂ€here Umgebung die eingeschrĂ€nkte Kontrolle. Und auch ein BĂŒrgerkrieg der Taliban mit den alten Warlords ist nicht ausgeschlossen. Die Stehzeit der zerstrittenen und korrupten Regierung ist hingegen absehbar nur noch sehr kurz! Und wen will die deutsche Politik dann genau und wie finanziell oder auch mit zivilem Engagement weiter unterstĂŒtzen? Das ist alles unglaubwĂŒrdiges Gerede!

Und wen „lassen wir im Stich“? Wir haben nach intensiven personellen (59 gefallene Soldaten) und materiellen (ĂŒber 12 Milliarden Euro) Investitionen ĂŒber den Zeitraum von 20 Jahren eine vom Islam dominierte, unterentwickelte, mittelalterliche Stammesgesellschaft verlassen, die nicht daran interessiert ist, nach unseren demokratischen Vorstellungen zu leben. Die Afghanen entwickeln LoyalitĂ€t nur zu ihrer Sippe und zu ihrem Clan. Die Taliban reprĂ€sentieren das Wesen und die Werte von mehr Afghanen, als es die Zentralregierung in Kabul je vermocht hĂ€tte, sonst wĂ€re der Machteinfluss der Zentralregierung nicht schon zu Zeiten der westlichen PrĂ€senz derart gravierend eingeschrĂ€nkt gewesen. Und große Teile der Zivilbevölkerung haben die Taliban unterstĂŒtzt, sonst wĂ€re die GuerrillakriegfĂŒhrung gegen die SicherheitskrĂ€fte nicht so erfolgreich gewesen. In den Augen dieser Afghanen sind auch die deutschen Soldaten „Besatzer“, die man sich wegwĂŒnscht! Und die SicherheitskrĂ€fte sind deswegen so eingeschrĂ€nkt einsatzfĂ€hig, weil immer wieder große Teile der vom Westen ausgebildeten Soldaten und Polizisten „ausgebildet und bewaffnet“ zu den Taliban ĂŒbergelaufen sind. In dieser Lage kann man die Taliban nicht durch Bomben und Luftwaffenbeschuss nachhaltig ausschalten. Gegen guerrillamĂ€ĂŸig kĂ€mpfende Terroristen muss man mit massivem, und wirkungsvollem SpezialkrĂ€fteeinsatz vorgehen. Das kann die westliche Welt nicht mehr in die Wege leiten – und die deutsche Bevölkerung wĂŒrde einen „kriegerischen“ Einsatz ohnehin mehrheitlich nicht befĂŒrworten!

Wir verlassen also einen „failed state“, dem durch die westliche Welt nicht zu helfen ist. Dieser vom Islam dominierten, unterentwickelten, mittelalterlichen afghanischen Stammesgesellschaft werden Staaten wie der Iran, China, Indien und auch Russland helfen mĂŒssen – schon aus Eigeninteresse!

Mir tut es leid um die Gefallenen, Verwundeten und hochengagierten Soldaten der NATO, denn ihr Einsatz in Afghanistan hat kein positives Ergebnis erbracht!

(10.08.2021)

 

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http://www.hansheinrichdieter.de/html/versageninafghanistan.html

 

 

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