Hans-Heinrich Dieter

"German Angst" (14.03.2011)

 

Das Jahrhundert-Erdbeben und der Tsunami in Japan haben kaum vorstellbare Ausmaße. Über die Menschen ist unermessliches Leid gekommen. Wir werden mitleiden und helfen müssen.

Zu allem Leid kommt das Versagen von Kühlsystemen und Notstromversorgung in drei von sehr vielen japanischen Kernkraftwerken. In Tokai soll sich die Lage wieder entspannt haben. Für das Kraftwerk Onagawa wurde der nukleare Notstand ausgerufen und im Kraftwerk Fukushima wird in zwei Reaktoren eine Kernschmelze befürchtet. So schlimm und bedrohlich die Lage ist, einen GAU gibt es bisher nicht und nach allem was wir wissen, ist die Strahlenbelastung in der Katastrophenregion nur punktuell erhöht. Die Wetterlage ist günstig und treibt eventuell verseuchte Luft auf den Pazifik hinaus. In den Medien sind die Endlosschleifen von Spekulationen, Mutmaßungen, Unterstellungen inzwischen nur noch schwer zu ertragen. Eine Sondersendung jagt das nächste nichtssagende "Spezial", denn es gibt nicht viel Konkretes zu berichten. Ohne Fakten-Beleg aber mit viel Halbwissen und "man kann nicht ausschließen, dass"-Gedankenspielen werden vielmehr Horrorszenarien gestellt, die nicht gerade für verantwortungsvolle Berichterstattung stehen. Herr Nelles vom Spiegel frohlockt schon "Atomkraft, das war´s!"

Tatsache ist, dass wir bisher ganz wenig über Ursachen technischen Versagens bei wenigen AKW in Japan wissen. Wir wissen aber, dass die Masse der japanischen Kernkraftwerke vom stärksten Erdbeben der japanische Geschichte und von den unzähligen starken Nachbeben unbeeinträchtigt blieben. und wir können auch folgern, dass angesichts der apokalyptischen Naturgewalten, die auf die direkt betroffenen AKW eingewirkt haben, die Sicherheitsstandards sehr hoch gewesen sein müssen, sonst wären Störungen größeren Ausmaßes aufgetreten. Bisher fehlen uns nahezu alle belastbaren Daten für ernsthafte Analysen, aus denen für den Betrieb der Kernkraftwerke in Deutschland gefolgert werden könnte.

Deswegen hat Bundeskanzlerin Merkel schnell agiert, sich soweit möglich einen Überblick über die Lage in Japan geschaffen und die intensive Auswertung der Störfälle in japanischen Kernkraftwerken sowie die Überprüfung der Sicherheitsstandards bei allen deutschen Atomkraftwerken angekündigt. Da die AKW-Störfälle in Japan keine direkte Gefahr für Deutschland darstellen und unsere Kernkraftwerke einen anerkannt hohen Sicherheitsstandard haben, könnte man von den Bürgern durchaus Betroffenheit aber auch Gelassenheit erwarten.

Gelassenheit ist - insbesondere beim Thema Kernkraft - angesichts der jüngsten "Wutbürger"-Aktionen, der Breitschaft der Kernkraftgegner, Gewalt anzuwenden und Straftaten wie Landesfriedensbruch und "Schottern" zu begehen, und aufgrund der gezielten Panikmache durch Sozialdemokraten und Grüne wohl keine bemerkenswerte deutsche Tugend. Wir erscheinen als Bevölkerung sehr wenig krisenfest, vielmehr ist in Deutschland ein Phänomen vorherrschend, das unsere internationale Umwelt etwas höhnisch und spöttisch mit dem Begriff "German Angst" belegt.

Insbesondere Politiker der Grünen wissen um die diffuse Angst deutscher Bürger, denn sie haben solche Angst ja bei jeder sich bietenden Gelegenheit geschürt, und deswegen sind sie auch Teil der Menschenkette am 12.03.2011 von Stuttgart nach Neckar-Westheim. Die Berichterstattung über diese Demonstration erwähnt mit keinem Wort mögliches Mitleid der teilnehmenden "Angstbürger" mit den Menschen in Japan. Dafür werden Forderungen wie "Atomkraft Nein Danke" "Abschalten Jetzt" lautstark erhoben und von der ohnehin angsteinflößenden Claudia Roth - der die strahlende aber natürlich klammheimliche Freude über diese gute Gelegenheit in Wahlkampfzeiten deutlich anzusehen ist - im Fernsehen bekräftigt.

Und auch der SPD-Wahlkämpfer Beck ergreift die günstige Gelegenheit und meint höchst scheinheilig:"Ich will nicht mit einer so schlimmen Katastrophe Politik machen, aber gerade unter dem Eindruck eines solchen Risikos wünschen sich wohl alle vernünftigen Menschen ganz dringend, dass es beim Ausstieg aus der nicht beherrschbaren Kernkraft bleibt". Von welchem Risiko spricht Beck? Die aus Sicht Becks "unvernünftigen Menschen" sind hoffentlich in Rheinland Pfalz zahlreich, erkennen die Scheinheiligkeit und werden entsprechend wählen.

Wie kurzsichtig und bigott das Angstschüren unter Nutzung der AKW-Störfälle in Japan ist, zeigt ein Blick in unsere Nachbarschaft. Seit den 70er-Jahren läuft in Frankreich ein massives Atomprogramm, das bei unserem Nachbarn kaum infrage gestellt wird und zu keiner Zeit Massenproteste hervorgerufen hat. Der Glaube an die Atomkraft ist offenbar in Frankreich so etwas wie Staatsräson, die von den durchaus protestwilligen Franzosen anerkannt wird. An kurzfristigen Atomausstieg denkt dort kein vernünftiger Mensch, der umweltverträgliche und bezahlbare Energieerzeugung im Auge hat.

In Großbritannien sind 19 Atomkraftwerke in Betrieb. Viele dieser AKW sind bereits 30 Jahre oder älter und Großbritannien hat das Problem Sellafield. Trotzdem ist die Katastrophe in Japan für die Briten bisher kein Grund, die Versorgung mit Atomstrom lautstark und auf der politischen Bühne infrage zu stellen. Nach derzeitiger Planung sollen auf der Insel neue Meiler entstehen. Dafür sind bis zu 18 mögliche Standorte benannt, ohne nennenswerten Widerstand der Bevölkerung.

In Tschechien wurde 2000 das AKW sowjetischer Bauart Temelin in einer Entfernung von 60 Kilometern von der deutschen Grenze in Betrieb genommen. Die Anzahl der Störfälle ist beunruhigend. Deutsche Proteste dagegen wurden bisher in Prag nicht ernst genommen.

Nuklear verseuchte Wolken machen bekanntlich an Grenzen nicht halt. Ein sofortiger, isolierter deutscher Ausstieg aus der Atomenergie macht deswegen keinen Sinn. Das Problem muss in der europäischen Union gelöst werden, denn Sicherheit vor nuklearen Restrisiken ist für die Menschen in Europa nur im Konsens der europäischen Staaten zu gewährleisten oder zu erhöhen. In diesem Zusammenhang ist es gut, dass EU-Energiekommissar Günther Oettinger wegen der Ereignisse in Japan kurzfristig zu einem Krisentreffen auf EU-Ebene nach Brüssel eingeladen hat, bei dem Aufseher für die Nuklearsicherheit und Atomkraftwerkbetreiber über den Unfall und die Konsequenzen für Europa beraten sollen.

Aus globaler Sicht kann man feststellen, dass China ungeachtet der Atomkatastrophe in Japan durch den Volkskongress mit dem neuen Fünf-Jahres-Plan einen massiven Ausbau der Kernenergie beschlossen hat. Bis 2015 soll mit dem Bau von weiteren 40 Gigawatt an Kapazitäten begonnen werden. Zur Zeit hat China 13 Atomreaktoren mit ca. 10 Gigawatt in Betrieb. Bis 2020 sollen die Atomkapazitäten auf 80 Gigawatt gesteigert werden.

In den USA sollen alle 104 Reaktoren, die etwa 20 Prozent des US-Energiebedarfs decken, modernisiert und ihre Laufzeiten verlängert werden. Fünf AKWs sind in den USA im Bau; 16 Anträge sind in der Genehmigungsphase. Aus Sicht des Politikers Beck mit vorwiegend parteipolitischen und regionalen Interessen leben in solchen Staaten hauptsächlich unverantwortliche Politiker und ziemlich viele unvernünftige Menschen.

Wir in Deutschland hingegen betreiben derzeit eine durch gezielte Panikmache ausgelöste, eher provinziell wirkende, ängstliche Nabelschau, die geradezu peinlich ist.

Den regenerativen Energien gehört die Zukunft, deswegen muss die Atomkraft-Brücke bis zur gesicherten und hinreichenden Versorgung unserer Industriegesellschaft mit erneuerbaren Energien so kurz wie nötig und möglich sein. Aber Energie aus Wind, Wasser oder Sonnenkraft kann wegen der mangelnden Speicherfähigkeit leistungsfähige, verlässliche und preiswerte Energie-Quellen wie die Atomkraft derzeit noch nicht komplett ersetzen. Die Diskussion über Umweltschutz und Energieversorgung muss ganzheitlich und an der Sache orientiert geführt werden, wie die E 10-Problematik deutlich zeigt. Die Bürger sind sehr wohl informiert, sie lassen sich eine unökonomische, unökologische und unethische Maßnahme wie E 10 aber nicht aufdrängen. Fraglich ist auch, wann sich die ersten Bürgerproteste gegen die zunehmende "Verspargelung" und Umweltverschandelung durch unökonomische Windkraftanlagen regen. Und es wird interessant sein zu beobachten, welche Schäden das Erdbeben und der Tsunami der japanischen Chemie-Industrie zugefügt haben und welche Schlüsse dann z.B. für den Betrieb von BASF-Anlagen im erdbebengefährdeten Rheingraben gezogen werden.

Es gibt keine einfachen Lösungen für die Energieversorgung unserer Industriegesellschaft unter Berücksichtigung des Umweltschutzes. Deswegen sollten es sich Politiker mit vordergründiger Wahlkampfmotivation auch nicht zu einfach machen.

Die erfolgreiche Angstmacherei durch interessierte Politiker und Medien macht Angst!

(14.03.2011)

 

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